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Faulpelze oder Zuckerschnecken

Henriette kann sich nicht entscheiden, ob die Generation Z aus Faulpelzen besteht oder aus Zuckerschnecken, und beschließt, das Urteil bis zum Abschluss einer größer angelegten empirischen Erhebung aufzuschieben.

Henriette Einstein · 13. Juli 2026

Henriette steht mit verschränkten Armen und rosa getönter Sonnenbrille hinter einem jungen Mann, der im Bürostuhl über einem geschlossenen Laptop döst, daneben ein Skateboard und ein Smoothiebecher.

Es gibt Fragen, die man nicht am Schreibtisch entscheidet, sondern im Feld. Die Frage, was von der Generation Z zu halten sei, gehört zweifellos dazu. Ich habe lange geglaubt, sie ließe sich aus der Ferne beantworten, so wie man ein Gemälde beurteilt, ohne den Rahmen anzufassen. Ich habe mich getäuscht. Man muss näher heran. Deutlich näher.

Die Aktenlage

Zunächst das Belastende. Die Generation Z, grob jene Jahrgänge, die das Wort Telefon nur noch als Metapher kennen, hat der arbeitenden Welt eine neue Vokabel geschenkt: Work-Life-Balance. Ein hübsches Wort, sauber austariert, mit einem Bindestrich in der Mitte, der so tut, als stünden die beiden Seiten im Gleichgewicht. Sie stehen es nicht. Wer genau hinhört, bemerkt, dass die Betonung mit erstaunlicher Verlässlichkeit auf der zweiten Silbe liegt. Life. Die Arbeit ist bei diesen jungen Menschen das, was früher der Blinddarm war: vorhanden, gelegentlich schmerzhaft, im Ernstfall entbehrlich.

Man könnte das Faulheit nennen, und ich nenne es genau so. Ich, die ich in einem Zeitalter groß geworden bin, in dem man am Freitagabend noch nicht wusste, ob man am Samstag frei hatte, betrachte eine Spezies, die den Feierabend bereits vor dem Frühstück terminiert, mit einem gewissen zoologischen Staunen. Sie verhandeln beim Bewerbungsgespräch nicht das Gehalt, sondern die Zahl der Tage, an denen sie nicht erscheinen müssen. Sie nennen es Achtsamkeit. Ich nenne es, unter uns, ein Talent zur geplanten Abwesenheit, das meine gesamte Generation nur im Kollektiv und nur unter dem Deckmantel eines Streiks zustande gebracht hätte. Ein Vierundzwanzigjähriger, der wegen innerer Erschöpfung drei Tage Homeoffice beantragt, obwohl er seit Dienstag nichts erschöpft hat außer den Akku seines Ladekabels: Das ist eine Leistung eigener Art, ich räume es ein.

Die Gegenseite

Es wäre nun aber unredlich, und Redlichkeit ist mir teuer, die Generation Z auf ihr Verhältnis zur Lohnarbeit zu reduzieren. Es gibt an ihr nämlich noch etwas anderes, und dieses andere betrifft, präzise gesagt, das obere Ende des einschlägigen Altersspektrums. Die Herren zwischen achtzehn und fünfundzwanzig. Über sie lässt sich Erfreuliches berichten, und ich berichte es gern.

Sie sind, um es mit der Nüchternheit des Gutachtens zu sagen, ausgesprochen ansehnlich. Die Natur hat bei ihnen eine Großzügigkeit walten lassen, die sie im Umgang mit dem Rentensystem vermissen lässt. Und, was schwerer wiegt als die bloße Optik: Sie sind lernwillig. Es ist rührend, geradezu pädagogisch anrührend, mit welchem Ernst so ein junger Mann durch die Welt geht, auf der Suche nach jemandem, der ihm etwas beibringt. Nach einer Lehrerin. Die Fächer, in denen er Nachhilfe wünscht, stehen selten im Lehrplan. Sie werden, das darf man verraten, auch nicht schriftlich geprüft, sondern mündlich, praktisch und, im gelungenen Fall, über Nacht.

Henriette sitzt elegant auf der Kante eines Schreibtischs und beugt sich zu einem aufmerksamen jungen Mann, der bewundernd zu ihr aufblickt, in einem warmen Arbeitszimmer.

Und hier komme ich, im Interesse der Vollständigkeit, nicht umhin, eine Tatsache zu Protokoll zu geben, die weniger der Bescheidenheit als der Wahrheit verpflichtet ist: Auf diesem Gebiet bin ich eine Wucht. Ich sage das nicht, um zu prahlen. Ich sage es, weil ein Gutachten ohne Angabe der Qualifikation des Gutachters wertlos ist. Was der junge Mann an Ausdauer im Beruf vermissen lässt, bringt er andernorts mit einer Zähigkeit auf, die mich mit dem Bildungsstand seiner Generation beinahe wieder versöhnt. Wo die Nachfrage so groß und das Angebot so aufnahmefähig ist, wäre es geradezu volkswirtschaftlich fahrlässig, die Sache ungenutzt zu lassen.

Das Verfahren

Sie sehen mein Dilemma. Auf der einen Waagschale liegt die These vom Faulpelz, gut belegt, aktenkundig, jeden Montagmorgen aufs Neue bestätigt. Auf der anderen liegt die Zuckerschnecke, ebenfalls gut belegt, wenn auch zu anderen Tageszeiten und in anderer Körperhaltung. Eine Waage aber, das lernt man früh, fällt man nicht mit dem ersten Gewicht.

Ich habe mich deshalb zu einem Verfahren entschlossen, das mir aus dem Wirtschaftsleben vertraut ist und dessen wissenschaftliche Würde außer Frage steht: der „Stichprobe". Man urteilt nicht über eine Grundgesamtheit, ohne sie hinreichend beprobt zu haben. Ein einzelner Fall beweist nichts, zwei sind ein Zufall, drei eine Anekdote. Erst die Menge macht die Statistik, und die Statistik ist bekanntlich die einzige Form der Lüge, die vor Gericht Bestand hat.

Ich werde also, mit der Gründlichkeit, die meine Herkunft verlangt, eine größere Zahl von „Stichproben" nehmen. Repräsentativ soll sie sein, breit gestreut, methodisch sauber erhoben, ohne Rücksicht auf Haarfarbe, Studienfach oder die Frage, ob der Proband seine Wäsche selbst wäscht oder ob das noch die Mutter besorgt. Ich denke an ein großzügig bemessenes Erhebungsintervall, an eine Ausschöpfungsquote, die keine Wünsche offen lässt, und an eine Nachbeprobung dort, wo der Erstbefund zu vielversprechend war, um es bei einem einzigen Termin zu belassen. Man schuldet dem Gegenstand seiner Untersuchung Sorgfalt, und dem eigenen Urteil erst recht.

Henriette mit Klemmbrett und Stift, eine Augenbraue hochgezogen, mustert kühl eine unscharfe Reihe gut aussehender junger Männer wie Proben einer Erhebung.

Fazit

Das Ergebnis, ich gestehe es, ist offen. Es ist gut möglich, dass sich am Ende beide Thesen als richtig erweisen. Dass die Generation Z faul ist und Zuckerschnecke zugleich. Dass sie am Schreibtisch versagt und im Erhebungsverfahren brilliert. Das wäre kein Widerspruch, sondern ein Befund, und zwar der angenehmste, den die empirische Sozialforschung zu vergeben hat: Ein junger Mann, der zu nichts zu gebrauchen ist außer zu dem einen, ist immerhin zu dem einen zu gebrauchen. Das ist mehr, als man über die meisten Tagesordnungspunkte einer Vorstandssitzung sagen kann.

Bis dahin bitte ich um Geduld. Die Wissenschaft lässt sich nicht drängen, und die Feldforschung schon gar nicht. Ich melde mich, sobald die Datenlage es erlaubt. Es kann dauern, und ich hoffe sehr, dass es dauert.

Henriette sitzt allein auf einem blaugrauen Sofa in der Abenddämmerung, ein Glas Rotwein locker in der Hand und ein zufriedenes Lächeln, neben sich eine offene Mappe.