Henni privat
Henni im Stau
Henriette steht auf dem Weg zu einem Kundentermin im Stau auf der A3, tobt sich aus, beruhigt sich und verlegt ihre laufende Feldforschung kurzerhand ans Telefon, wo sie einer ihrer Stichproben eine sehr praktische Lektion in Ferndidaktik erteilt.
Henriette Einstein · 14. Juli 2026

Es heißt, der Charakter eines Menschen zeige sich in der Krise. Ich halte das für eine Untertreibung. Der Charakter eines Menschen zeigt sich im Stau. In der Krise hat man wenigstens etwas zu tun, man kann rennen, retten, telefonieren, sich wichtig machen. Im Stau hat man nichts, außer sich selbst, und das ist, wie ich am Dienstag auf der A3 lernen durfte, eine gefährlichere Kombination als jede Krise.
Der Stillstand
Ich war auf dem Weg zu einem Kundentermin, gut gelaunt, gut gekleidet, mit jenem komfortablen Vorsprung von zwanzig Minuten, den ich seit Jahren einplane und seit Jahren verliere. Zwischen dem Kreuz und der nächsten Ausfahrt verlor ich ihn wieder. Erst wurden die Autos langsamer, dann langsam, dann standen sie. Nicht im übertragenen Sinne. Sie standen, wie Möbel stehen.
Ich bin kein geduldiger Mensch, und ich habe nie behauptet, einer zu sein. Die erste Viertelstunde verbrachte ich damit, das Navigationsgerät zu beschimpfen, das mir mit der Gelassenheit eines Beamten eine Ankunftszeit anzeigte, die bereits in der Vergangenheit lag. In der zweiten Viertelstunde beschimpfte ich den Mann im Wagen neben mir, allerdings bei geschlossenem Fenster, was den didaktischen Wert der Übung erheblich schmälerte. In der dritten hupte ich. Hupen im Stau ist die reinste Form der menschlichen Verzweiflung, es ändert nichts und fühlt sich trotzdem an wie Handeln. Ich hupte also, zweimal, und der Mann neben mir sah mich an, wie man eine Frau ansieht, die im Stau hupt. Zu Recht.
Irgendwann ist die Wut aufgebraucht. Das weiß niemand, der noch nie richtig festgesessen hat. Die Wut ist ein Verbrauchsgut, sie geht zur Neige wie Benzin, und was übrig bleibt, ist eine seltsame, fast heitere Ruhe. Die Ruhe der wahrhaft Gefangenen. Ich lehnte mich zurück, betrachtete die Bremslichter vor mir, die sich bis zum Horizont zu einer einzigen roten Kette reihten, und dachte, wie ich in solchen Momenten immer denke, an meine Arbeit.
Die zweite Phase
Man muss wissen, dass ich seit einiger Zeit eine Erhebung betreibe. Eine Feldstudie über die junge Generation, streng empirisch, mit einer Stichprobe, die ich aus Gründen der wissenschaftlichen Sorgfalt breit angelegt habe. Der Termin, zu dem ich unterwegs war, hatte nichts damit zu tun, aber ich hatte mich, wie ich zugeben muss, für den Anlass sorgfältig ausgestattet. Neue halterlose Strümpfe, eigens gekauft, für ein späteres Treffen ganz anderer Art. Sie saßen tadellos. Es ist eine Verschwendung, tadellos sitzende Strümpfe im Stehen zu tragen, ohne dass es jemand bemerkt, und Verschwendung war mir noch nie sympathisch.
So kam die Idee. Sie kam nicht als Blitz, eher als das leise Klicken, mit dem sich eine Rechnung schließt. Wenn ich schon nicht vorankomme, dachte ich, dann soll wenigstens die Forschung vorankommen. Die Wissenschaft ruht nicht, nur weil die A3 es tut.

Das Ferngespräch
Ich griff zum Telefon und wählte eine meiner Stichproben. Ein Student, Anfang zwanzig, aufgeweckt auf jene Art, die bei jungen Männern selten das Gehirn und zuverlässig alles andere betrifft. Er ging sofort ran, was in seinem Alter entweder für Langeweile oder für gute Erziehung spricht, und ich habe mich nie entschieden, was von beidem schlimmer ist.

Ich erzählte ihm, wo ich sei. Im Auto, sagte ich, auf der A3, im Stau, seit einer Ewigkeit, und nichts bewege sich. Er bekundete Mitgefühl, so gut es ein Vierundzwanzigjähriger vermag, also kurz. Dann erwähnte ich, beiläufig, wie man das Wetter erwähnt, meine neuen Strümpfe. Halterlos, sagte ich. Eigens gekauft. Es entstand am anderen Ende eine jener Pausen, in denen ein junger Mann sehr angestrengt an nichts denkt.
Ich fuhr fort. Mit der Ruhe einer Fahrlehrerin, die ihren Beruf liebt, erklärte ich ihm, dass ich es kaum erwarten könne, den Unterricht fortzusetzen, und dass ich, genau genommen, bereits damit begonnen hätte. Zwischen zwei Bremslichtern und einem stehenden Lastwagen schilderte ich ihm, in wohldosierten Andeutungen, wo sich meine Hand gerade befinde. Sein Atem verriet ihn schneller, als es seine Worte je getan hätten. Ein junger Mann, der plötzlich sehr leise wird, ist kein Rätsel. Er war, um es empirisch zu formulieren, in einem messbar erregten Zustand.
Feldforschung bei laufendem Motor
An dieser Stelle hätte eine vernünftige Frau aufgelegt. Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen. Die Neugier der Forscherin, sage ich mir gern, sei größer als ihre Vernunft, und an jenem Dienstag stimmte es sogar.

Ich gab ihm die erste Anweisung so sachlich, wie man einem Praktikanten den Kopierer erklärt. Er möge sich, sagte ich, der Hose entledigen. Er tat es, dem Rascheln nach zu urteilen, mit einer Geschwindigkeit, die seine Generation angeblich nicht besitzt. Die zweite Anweisung betraf, nennen wir es diplomatisch, sein bestes Stück, an das er die Hand zu legen habe. Auch dieser Bitte kam er nach, ohne Rückfrage, ohne Work-Life-Balance, ohne den Wunsch nach einem Tag Homeoffice. Man sagt der Jugend viel Faulheit nach. Ich kann, nach sorgfältiger Prüfung, bezeugen, dass sie unter geeigneten Bedingungen zu bemerkenswertem Fleiß fähig ist.
Den Rest überlasse ich der Vorstellungskraft des Lesers, die an dieser Stelle ohnehin schneller unterwegs ist als der gesamte Verkehr auf der A3. Ich sagte ihm nur, er solle weitermachen, und er machte weiter, mit einer Hingabe, die ich in einer Fußnote festhalten werde, sollte die Studie je in Druck gehen. Es war, im Rückblick, das einzige, das sich in diesem Stau bewegte.
Bis später
Als er dann, um in seinem Vokabular zu bleiben, endlich erleichtert war, hauchte ich zwei Worte ins Telefon. Bis später. Mehr braucht es nicht. Ein guter Satz ist kurz, und ein guter Abgang noch kürzer. Ich legte auf.
Im selben Moment, ich schwöre es bei allem, was mir an Ironie heilig ist, ruckte die Kolonne an. Die Bremslichter erloschen, eines nach dem anderen, wie ein Vorhang, der sich hebt. Ich fuhr los, holte den zwanzigminütigen Vorsprung zurück, den ich nie hätte verlieren dürfen, und erreichte den Kundentermin pünktlich, gefasst und in tadellos sitzenden Strümpfen. Der Kunde bemerkte nichts. Kunden bemerken nie etwas.

Man sagt, im Stau lerne man Geduld. Ich habe etwas Nützlicheres gelernt. Dass die Feldforschung keinen Fortschritt braucht, um voranzukommen, und dass der Mensch, entgegen aller Behauptung, auch im vollkommenen Stillstand zu erstaunlicher Bewegung fähig ist. Man muss ihn nur richtig anrufen.