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Geschichte

Der Wettlauf um Afrika - Europas Griff nach dem Kontinent

Die Berliner Konferenz von 1884 setzte den rechtlichen Rahmen, in dem Europa binnen zwei Jahrzehnten fast den gesamten afrikanischen Kontinent unter sich aufteilte. Angetrieben von nationalem Prestige, einer Zivilisierungsideologie und der Angst, leer auszugehen, sicherten sich die Großmächte ihre Kolonien, während das verspätete Deutsche Kaiserreich seinen Platz an der Sonne beanspruchte. Marokko blieb als letztes großes Stück der Zankapfel, an dem sich die imperiale Rivalität der Großmächte später entzünden sollte.

Henriette Einstein · 14. Juli 2026

Aus erhöhter Sicht die Berliner Konferenz 1884 in einem prunkvollen Kanzlei-Saal, europäische Diplomaten in Frack um einen langen Tisch mit einer großen Afrika-Karte, keine afrikanischen Vertreter anwesend.

Am 15. November 1884 öffneten sich die Türen der Reichskanzlei in der Berliner Wilhelmstraße für eine Konferenz, die niemand aus Afrika eingeladen hatte. Bismarck, der Reichskanzler des jungen Deutschen Kaiserreichs, empfing die Botschafter und Gesandten von vierzehn Staaten: Großmächte und Kleinstaaten, Seemächte und Kontinentalmächte, das Osmanische Reich und die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie alle waren gekommen, um über ein Land zu verhandeln, in dem keiner von ihnen zu Hause war. Die Verhandlungsmasse hieß Afrika.

Was als Konferenz über Handelsfreiheit auf dem Kongo und dem Niger begann, endete am 26. Februar 1885 mit der sogenannten Kongoakte: einem völkerrechtlichen Regelwerk, das die Spielregeln für die Aufteilung eines ganzen Kontinents festlegte. Die Kongoakte definierte, unter welchen Bedingungen eine europäische Macht Anspruch auf ein afrikanisches Gebiet erheben durfte. Sie normierte, was Besitzergreifung bedeutete. Und sie legitimierte das ganze Unternehmen als Ausdruck europäischer Zivilisation.

Kein einziger Afrikaner saß am Tisch.

Der Kontinent als leere Karte

Die europäische Vorstellung von Afrika als "unverteiltem Kontinent" war eine bewusste Konstruktion. Afrika war 1884 alles andere als menschenleer oder unregiert. Auf dem Kontinent lebten Hunderte von Völkern mit eigenen politischen Strukturen, Handelsnetzen und Herrschaftsordnungen: das Zulu-Königreich im Süden, das Sokoto-Kalifat im Westen, das Äthiopische Kaiserreich im Osten, das Sultanat Marokko im Norden. Städte wie Kano, Timbuktu und Kairo waren Jahrhunderte vor London Metropolen gewesen.

Was Europa meinte, wenn es von einem "unverteilten" Kontinent sprach, war schlicht: ein Kontinent, den die europäischen Mächte noch nicht vollständig unter sich aufgeteilt hatten. Um 1876 befanden sich schätzungsweise zehn Prozent des afrikanischen Kontinents in europäischer Hand, überwiegend Küstenstreifen und Handelsstützpunkte. Das Innere des Kontinents war den Europäern weitgehend unbekannt, was nicht bedeutete, dass es keine Geschichte hatte, sondern dass man diese Geschichte nicht gelten lassen wollte.

Die Jahrzehnte nach 1860 veränderten das Bild. Dampfschifffahrt und Chinin machten die Flüsse als Transportwege erschließbar. Telegraphenleitungen verdichteten die Kommunikation. Und die europäische Industrialisierung erzeugte einen Sog, der nach Rohstoffen, Absatzmärkten und Investitionsmöglichkeiten griff. Die technologische Überlegenheit, die Europa in diesen Jahrzehnten gegenüber dem Rest der Welt erarbeitet hatte, verwandelte sich in einen Expansionsdrang, der keine natürliche Grenze kannte.

Die Berliner Konferenz: Bismarck ordnet die Welt

Dass es ausgerechnet Bismarck war, der die Berliner Konferenz einberief, ist erklärungsbedürftig. Bismarck war kein Imperialist aus Überzeugung. Er betrachtete Kolonien als kostspielige Prestigeobjekte und hatte Deutschland jahrelang von der Kolonialpolitik ferngehalten. Noch 1871 hatte er über afrikanische Kolonien gesagt, sein Bedarf an ihnen sei gleich null. Was ihn 1884 umstimmte, war ein Gemisch aus innenpolitischem Druck, wirtschaftlichem Lobbying und taktischem Kalkül.

Seit den frühen 1880er Jahren drängten Handelskammern, Kolonialgesellschaften und Nationalisten in Deutschland auf ein eigenes Kolonialreich. Der Hamburger Kaufmann Adolf Lüderitz hatte 1883 an der Küste des heutigen Namibia Land erworben und das Reich um Schutz gebeten. Bismarck gab nach, schirmte Lüderitz ab und schuf damit im April 1884 das erste deutsche Schutzgebiet in Afrika: Deutsch-Südwestafrika. Wenige Monate später folgten Togo und Kamerun im Westen sowie, im Februar 1885, die von Carl Peters mit fragwürdigen Verträgen erworbenen Gebiete in Ostafrika.

Deutschland war spät eingestiegen. Frankreich und Portugal hatten seit Jahrhunderten Kolonien in Afrika. Großbritannien kontrollierte seit 1882 faktisch Ägypten und hielt weite Teile Süd- und Westafrikas. König Leopold II. von Belgien trieb seine private Erschließung des Kongogebiets voran. Die Konferenz in Berlin sollte Ordnung in diesen entstehenden Wettbewerb bringen und sicherstellen, dass Deutschland in der neuen kolonialen Weltordnung nicht leer ausging.

Das Prinzip, das Bismarck durchsetzte, war das der "effektiven Besitzergreifung". Eine Macht konnte ein Gebiet nur beanspruchen, wenn sie dort tatsächlich präsent war: mit Verwaltung, Handelsposten oder Militär. Papierbesitz ohne physische Präsenz sollte nicht gelten. Das klingt nach Ordnung. Es war in Wahrheit ein Startvorteil für diejenigen, die bereits die Mittel hatten, Truppen und Beamte nach Afrika zu schicken, also für die industrialisierten Großmächte.

Die vierzehn Konferenzteilnehmer verabschiedeten am 26. Februar 1885 die Kongoakte. Kein einziger Kilometer afrikanischer Grenze wurde in Berlin festgelegt. Aber der Rahmen, in dem die Grenzen gezogen werden würden, war nun gesetzt. Der Startschuss für den "Scramble for Africa", den Wettlauf um den Kontinent, war gefallen.

Die Teilung des Kontinents

Was folgte, war ein koloniales Schnittmuster ohne Beispiel in der Geschichte. Innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten hatten europäische Mächte nahezu den gesamten afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt. Um 1902 befanden sich rund neunzig Prozent Afrikas unter europäischer Kontrolle. Nur Äthiopien und Liberia blieben formal unabhängig.

Frankreich sicherte sich den größten Anteil: den Nordwesten und Westen des Kontinents, von Algerien (bereits seit 1830 besetzt) über Tunesien bis zu den riesigen, dünn besiedelten Gebieten in der Sahara und dem Sahelgürtel. Hinzu kamen Senegal, die Elfenbeinküste, Dahomey (das heutige Benin), Madagaskar und weite Teile Zentralafrikas. Frankreichs Kolonialreich war in der Fläche gewaltig, aber in den trockeneren Regionen wenig rentabel.

Großbritannien setzte auf strategische Schlüsselpositionen: Ägypten mit dem Suezkanal, der Lebensader zum indischen Weltreich, Südafrika mit seinem Gold und seinen Diamanten, die Ostküste von Kenia bis nach Rhodesien, Nigeria im Westen. Imperialist und Geschäftsmann Cecil Rhodes träumte von einer durchgehenden britischen Herrschaft von Kairo bis Kapstadt. Er scheiterte an der konkurrierenden Präsenz anderer Mächte, aber das britische Empire sicherte sich dennoch den qualitativ wertvollsten Teil des Kontinents.

König Leopold II. von Belgien agierte nicht als Staatsmacht, sondern als Privatunternehmer. In den 1880er Jahren hatte er die internationalen Mächte davon überzeugt, ihm den Kongostaat als persönliches Eigentum zu überlassen, unter dem Deckmantel humanitärer Mission und freien Handels. Was folgte, war eine der brutalsten Kolonialherrschaften der Geschichte. Zehntausende, nach manchen Schätzungen Millionen, Kongolesen wurden durch Zwangsarbeit, Verstümmelung und Massaker ermordet. Erst unter dem Druck einer internationalen Skandalkampagne, unter anderem von Edmund Dene Morel vorangetrieben, übernahm der belgische Staat 1908 die Kolonie.

Portugal hielt seine historischen Besitzungen: Angola im Westen, Mosambik im Osten, Guinea-Bissau, die Kapverdischen Inseln. Alt eingesessen, aber wirtschaftlich stagnierend. Italien griff nach Tripolitanien (dem heutigen Libyen) und stieß am Horn von Afrika zu Eritrea und Teilen Somalias vor. Der Versuch, auch Äthiopien zu unterwerfen, endete 1896 in der Niederlage von Adua, der ersten militärischen Niederlage einer europäischen Kolonialmacht gegen eine afrikanische Armee in dieser Epoche.

Deutschland hatte am Ende vier Kolonien in Afrika: Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia), Deutsch-Ostafrika (Tansania, Ruanda, Burundi), Kamerun und Togo. Gemessen an den Ambitionen war das bescheiden. Die Gebiete waren im internationalen Vergleich klein, wenig erschlossen und wirtschaftlich enttäuschend.

Eine stilisierte Reliefkarte des afrikanischen Kontinents von oben, in mehrere große farblich abgesetzte Gebiete geteilt, ohne Beschriftung.

Die Ideologie: Zivilisierung als Rechtfertigung

Keine historische Gewalt kommt ohne Begründung aus. Die Europäer des späten 19. Jahrhunderts hatten für die Aneignung Afrikas eine Ideologie entwickelt, die sie selbst für überzeugend hielten.

Das Kernargument war die sogenannte "Zivilisierungsmission". Europa, so die These, trug Fortschritt, Ordnung, Christentum und Technik in ein rückständiges Dunkel. Der britische Rudyard Kipling nannte es die "Bürde des weißen Mannes": die moralische Pflicht der zivilisierten Rassen, die unzivilisierten zu heben. König Leopold II. gab seinem Kongo-Unternehmen den Namen "Association Internationale pour la Civilisation du Congo", Internationale Vereinigung zur Zivilisierung des Kongo. Selbst die Generalakte von Berlin sprach von der Verpflichtung, die Bevölkerungen Afrikas zu "zivilisieren".

Wissenschaftlich unterfüttert wurde diese Ideologie durch den Sozialdarwinismus: die Übertragung des Darwinschen Prinzips der natürlichen Auslese auf menschliche Völker. Wenn im Wettbewerb der Kulturen die Stärksten überlebten, so die Argumentation, dann bewies der europäische Sieg über Afrika die natürliche Überlegenheit der europäischen Rassen. Rassismus war in dieser Denkweise nicht Vorurteil, sondern Wissenschaft.

Die wirtschaftliche Realität passte allerdings schlecht zur Ideologie. Die meisten afrikanischen Kolonien waren zunächst Verlustgeschäfte. Die Kosten für Verwaltung, Infrastruktur und Militär überstiegen in den ersten Jahrzehnten die Einnahmen aus Handel und Rohstoffen. Die Ausnahmen, Südafrikas Gold und Diamanten, der Kongo-Kautschuk, nigerianisches Palmöl, waren real, aber selten. Was den Wettlauf um Afrika antrieb, war weniger ökonomische Rationalität als eine Mischung aus nationalem Prestige, Militärstolz und der Angst, leer auszugehen, wenn andere sich bedienten.

Das britische Außenministerium brachte das einmal unverblümt auf den Punkt: Man nehme Kolonien nicht weil man sie brauche, sondern damit ein Rivale sie nicht bekomme.

Deutschland als "verspätete Nation"

In diesem Wettbewerb war Deutschland der notorische Nachzügler. Das Reich existierte erst seit dem 18. Januar 1871, dem Tag der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles. Während Frankreich und Portugal seit Jahrhunderten Kolonien besaßen, während die Briten ein Weltreich aufgebaut hatten, war Preußen-Deutschland ein kontinentaler Staat gewesen, konzentriert auf Mitteleuropa.

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte hatte Anfang des 19. Jahrhunderts von der deutschen "Verspätung" gesprochen, einem Volk, das andere erst überholen musste. Diese Selbstdeutung prägte den deutschen Nationalismus im gesamten 19. Jahrhundert. 1871 schien die Verspätung überwunden: Deutschland war geeint, industrialisiert, militärisch dominant. Aber auf der Landkarte der Welt fehlte das Äquivalent. Großbritannien hatte Indien, Frankreich hatte Algerien, Deutschland hatte den Schwarzwald.

Die deutschen Kolonien der 1880er Jahre waren ein Versuch, diesen symbolischen Rückstand aufzuholen. Bismarck selbst glaubte nicht daran. Er ließ es zu, weil er innenpolitisch musste und weil die Berliner Konferenz Deutschland eine elegante Möglichkeit bot, die Spielregeln des kolonialen Wettbewerbs mitzugestalten, ohne selbst in eine kostspielige Expansion gezogen zu werden.

Aber nach Bismarck, genauer: nach 1890, änderte sich der Ton. Der junge Kaiser Wilhelm II. entließ den alten Kanzler und proklamierte eine neue Außenpolitik: die "Weltpolitik". Deutschland solle keine kontinentale Macht mehr sein, beschränkt auf Europa, sondern eine Weltmacht, gleichberechtigt mit Großbritannien und Frankreich. Das war keine Außenpolitik, das war ein Anspruch.

Am 6. Dezember 1897 brachte Staatssekretär Bernhard von Bülow diesen Anspruch auf eine Formel, die Geschichte machen würde. Im Reichstag sagte er: "Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne." Der Satz klingt bescheiden. Gemeint war das Gegenteil: Deutschland beanspruchte Weltgeltung, und wer sich dem widersetzte, würde es zu spüren bekommen.

Ein förmliches Standporträt Kaiser Wilhelms II. in dunkler Uniform vor einer großen Weltkarte, auf der Afrika hervorsticht, in aufrechter, ehrgeiziger Haltung.

Marokko: Das letzte große Stück

Um 1900 war der "Scramble for Africa" im Wesentlichen abgeschlossen. Fast jedes afrikanische Gebiet hatte einen europäischen Besitzer. Fast jedes.

Marokko blieb. Das Sultanat an der Nordwestspitze Afrikas, mit seiner langen atlantischen und mediterranen Küste, mit seinen reichen Erzlagerstätten im Atlasgebirge, mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft zur Straße von Gibraltar, war formal noch unabhängig. Die Alaouitendynastie regierte in Fez. Ihre Autorität war geschwächt, ihre Finanzen waren zerrüttet, ihr Staat war von ausländischen Gläubigern abhängig. Aber die Flagge war noch die marokkanische.

Marokko war aus mehreren Gründen kein gewöhnlicher Fall. Strategisch war es von kaum überschätzbarer Bedeutung. Wer die marokkanische Küste kontrollierte, kontrollierte den westlichen Eingang zum Mittelmeer. Für die britische Marinestrategie war das existenziell: Die Route über Gibraltar nach Malta, nach Suez, nach Indien, durfte nicht in feindlichen Händen liegen. Für Frankreich, das Algerien seit 1830 besaß und Tunesien 1881 als Protektorat übernommen hatte, war Marokko die logische Abrundung eines nordafrikanischen Imperiums. Ohne Marokko blieb die französische Herrschaft in Nordafrika ein offenes Viereck mit einer klaffenden Lücke im Westen.

Die schroffe Küste Marokkos an der Nordwestspitze Afrikas, eine befestigte Hafenstadt auf ockerfarbenen Klippen über der schmalen Meerenge zum Mittelmeer, warmes Licht über kühlem Wasser.

Hinzu kamen handfeste wirtschaftliche Interessen. Deutsche Industrielle, allen voran die Gebrüder Mannesmann, hatten Schürfrechte für Eisenerz im marokkanischen Atlasgebirge beantragt und sahen in der Region ein lohnendes Investitionsziel. Frankreich hatte eigene wirtschaftliche Interessen. Und alle Mächte wussten: Wer Marokko wirtschaftlich erschloss, würde politisch nicht fernbleiben können.

Am 8. April 1904 löste Frankreich die Frage auf diplomatischem Weg, zunächst. Mit der Entente Cordiale einigten sich Paris und London: Frankreich anerkannte die britische Vorrangstellung in Ägypten, Großbritannien ließ Frankreich freie Hand in Marokko. Ein tauschbörsenartiges Abkommen zwischen zwei Kolonialmächten über ein Land, das weder gefragt noch beteiligt worden war.

Deutschland hatte bei diesem Handel nicht mitgeredet. Und Deutschland war damit überhaupt nicht einverstanden.

Die Logik des Wettlaufs und seine Folgen

Der "Scramble for Africa" hatte eine Logik, die über Afrika hinausreichte. Er war ein Symptom der europäischen Großmachtpolitik am Ende des 19. Jahrhunderts: ein System von Staaten, die im ständigen Konkurrenzkampf miteinander standen, die ihre relative Stärke an territorialem Besitz maßen und die jede Expansion eines Rivalen als Bedrohung der eigenen Position interpretierten.

Dieses Denken machte koloniale Fragen zu Prestigefragen. Eine Niederlage in Ägypten oder im Kongo war keine Niederlage in einem fernen Land, sie war eine Niederlage im europäischen Mächtesystem. Und Prestigeniederlagen erzeugten Reaktionen, Eskalationen, Bündnisbildungen. Aus Handelskonflikten wurden diplomatische Krisen, aus diplomatischen Krisen wurden Bündnisproben.

Das Bündnissystem, das Europa in den Jahrzehnten nach 1870 aufgebaut hatte, war zum Teil selbst ein Produkt des kolonialen Wettbewerbs. Die Entente Cordiale (1904) von 1904 war ein koloniales Abkommen. Die anglo-russische Entente von 1907 war der Abschluss eines Jahrzehnts britisch-russischer Rivalität in Zentralasien. Die Triple Entente, das lose Bündnis zwischen Frankreich, Großbritannien und Russland, das 1914 Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüberstehen sollte, war in wesentlichen Teilen das Ergebnis kolonialer Einigung.

Deutschland stand außerhalb dieser Einigungen. Es war zu spät gekommen für die großen kolonialen Teilungen. Es hatte eine Außenpolitik verkündet, die Weltgeltung beanspruchte, aber die Mittel, diesen Anspruch einzulösen, waren bescheiden. Seine Kolonien in Afrika waren klein, seine Alliierten in Europa wenig verlässlich, sein Kaiser unberechenbar.

In diesem Kontext war Marokko keine Nebenfrage. Marokko war die Probe, ob die europäische Ordnung Deutschland den Platz geben würde, den es beanspruchte. Zwei Mal, 1905 und 1911, würde Deutschland versuchen, in Marokko sein Recht durchzusetzen. Zwei Mal würde es scheitern. Und das zweite Scheitern, der Panthersprung nach Agadir im Juli 1911, würde Europa an den Rand eines Krieges bringen, drei Jahre bevor der Krieg tatsächlich ausbrach.

Der Wettlauf um Afrika war abgeschlossen. Der Wettlauf um den Frieden hatte noch nicht begonnen.

Mehrere behandschuhte europäische Hände greifen über eine große Afrika-Karte auf einem Tisch und ziehen mit Linealen gerade Grenzlinien, die den Kontinent aufteilen.

Der Wettlauf um Afrika - Europas Griff nach dem Kontinent — HenniBock